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Kurzantwort: Der Duft von wildem Thymian stammt aus dem ätherischen Öl in den Blättern. Seine wichtigsten Bestandteile sind Thymol und Carvacrol, zwei eng verwandte Phenole mit würzigem, leicht medizinischem Geruch. In Deutschland wächst wilder Thymian als Sand-Thymian (Thymus serpyllum) auf kalkarmen Sandböden und als Arznei-Thymian (Thymus pulegioides) auf Magerrasen. Beide blühen im Sommer, bei Sand-Thymian von Juli bis September.
Ein warmer Nachmittag auf einem Trockenrasen, du trittst auf ein Polster kleiner Blätter, und die Luft riecht plötzlich nach Küche, Sonne und Süden. Das ist wilder Thymian. Er wächst in Deutschland an vielen Stellen, wird aber meist übersehen, weil er nur wenige Zentimeter hoch wird.
Der Duft ist kein Zufall. Er ist das Ergebnis einer genau beschreibbaren Chemie, die seit dem 18. Jahrhundert untersucht wird. Und er schwankt stark, je nachdem, welche Art du vor dir hast, wo sie wächst und ob es gerade heiß ist.
Hier steht, welche Stoffe den Geruch prägen, welche Arten in Deutschland wild vorkommen, wann und wo du sie findest und was den Duft von wildem Thymian von dem des Küchenthymians unterscheidet.
Welche Stoffe den Duft von wildem Thymian ausmachen
Thymian speichert sein ätherisches Öl in winzigen Drüsen auf der Blattoberfläche. Berührst du die Blätter oder wärmt die Sonne sie auf, platzen diese Drüsen und geben das Öl an die Luft ab. Deshalb riecht ein Thymianpolster an einem heißen Tag intensiver als nach Regen.
Der wichtigste Geruchsträger ist Thymol. Chemisch ist Thymol ein terpenoider Naturstoff mit der Summenformel C10H14O. Es riecht würzig und ist der Stoff, den die meisten Menschen mit Thymian verbinden. Thymol wirkt stark desinfizierend, fungizid und bakterizid und steckt deshalb in Zahnpasta und Mundwasser. Imker setzen es gegen die Varroamilbe ein.
Der zweite Hauptstoff heißt Carvacrol. Er ist ein Isomer von Thymol, also aus denselben Atomen aufgebaut, nur anders angeordnet. Carvacrol riecht schärfer und erinnert stärker an Oregano. Wie hoch sein Anteil ist, entscheidet mit darüber, ob ein Polster eher „nach Thymian“ oder eher „nach Pizza“ riecht.
Dazu kommen weitere Terpene, die dem Duft Tiefe geben. Ihr Verhältnis ist von Pflanze zu Pflanze verschieden.
Chemotypen: gleiche Art, anderer Geruch
Botaniker sprechen bei Thymian von Chemotypen. Das sind Pflanzen derselben Art, die sich äußerlich kaum unterscheiden, deren ätherisches Öl aber von verschiedenen Stoffen dominiert wird.
Beim Echten Thymian (Thymus vulgaris) sind sechs Chemotypen beschrieben, benannt nach ihrem jeweiligen Hauptstoff: Geraniol, Linalool, α-Terpineol, trans-Thujanol-4/Terpineol-4, Carvacrol und Thymol. Ein Linalool-Thymian riecht blumig und weich, ein Thymol-Thymian würzig und herb.
Das erklärt eine Alltagsbeobachtung: Zwei Thymianpolster, die nebeneinander wachsen, können deutlich verschieden riechen. Der Chemotyp ist genetisch festgelegt, Standort und Wetter verschieben die Mengen zusätzlich.
Welche Thymian-Arten in Deutschland wild wachsen
Der Küchenthymian stammt aus dem westlichen Mittelmeerraum, aus Spanien, Südfrankreich und Italien. In Mitteleuropa verwildert er nur in warmen Lagen. Was du auf deutschen Wiesen und Heiden riechst, sind andere Arten.
Sand-Thymian (Thymus serpyllum)
Der Sand-Thymian heißt auch Quendel, Feldthymian, Feldkümmel oder Rainkümmel. Er ist ein immergrüner Halbstrauch mit einer Wuchshöhe von 2 bis 10 Zentimetern. Die Blätter sind nur 3 bis 10 Millimeter lang. Er blüht von Juli bis September.
Sein Standort: lückige, sandige Rasen und lichte, sandige Kiefernwälder. Er bevorzugt kalkarme, lockere Sandböden und ist vor allem in Mittel- und Osteuropa verbreitet. Für Bienen ist er eine verhältnismäßig gute Weide.
Arznei-Thymian (Thymus pulegioides)
Der Arznei-Thymian, auch Breitblättriger Thymian oder Feld-Thymian genannt, ist in fast ganz Europa verbreitet. Er wird 5 bis 25 Zentimeter hoch und blüht von Juni bis September. Er wächst auf Trockenrasen, gern auf nährstoffarmen, basenreichen Böden, an Felsen und auffällig oft auf Ameisenhaufen. Sein Kraut enthält 0,2 bis 0,6 Prozent ätherisches Öl mit Carvacrol und Thymol.
Wann und wo du den Duft am stärksten wahrnimmst
Drei Dinge bestimmen die Intensität.
Erstens die Wärme. Ätherische Öle verdunsten bei Hitze schneller. Ein Thymianhang riecht am frühen Nachmittag deutlich stärker als am Morgen.
Zweitens die Berührung. Die Öldrüsen sitzen außen auf dem Blatt. Ein Schritt, eine Hand, ein weidendes Schaf setzt den Duft frei. Auf Schafweiden riecht es deshalb oft besonders intensiv.
Drittens die Blütezeit. Sand-Thymian blüht von Juli bis September, Arznei-Thymian von Juni bis September, der Echte Thymian von Mai bis Oktober. Während der Blüte ist der Ölgehalt der Blätter meist am höchsten.
Gute Orte in Deutschland sind Sandheiden in Brandenburg und Niedersachsen, Kalkmagerrasen in Süddeutschland und Thüringen sowie Küstendünen an der Ostsee.
Wilder Thymian und Küchenthymian im Vergleich
Der Echte Thymian ist eine anerkannte Arzneipflanze. Er ist offizinell, also im Arzneibuch geführt, und wurde 2006 zur Arzneipflanze des Jahres gewählt. Anerkannt ist seine Anwendung bei Katarrhen der oberen Luftwege, bei Bronchitis und Keuchhusten.
Der wilde Sand-Thymian enthält dieselben Stoffgruppen, Terpene, Carvacrol und Thymol, meist in geringerer Menge. Ein Aufguss aus Sand-Thymian wird traditionell bei grippalen Infekten getrunken. Dem Geruch nach ist er oft milder und etwas süßer als Küchenthymian.
Thymian hat eine lange Geschichte. Plinius erwähnt ihn in der Antike, Hildegard von Bingen im 12. Jahrhundert.
Thymian sammeln: Regeln und Grenzen
Für den Eigenbedarf darfst du in Deutschland kleine Mengen wild wachsender Pflanzen sammeln, die sogenannte Handstraußregel. Sie gilt nicht in Naturschutzgebieten und nicht für geschützte Arten. Trockenrasen und Sandheiden sind oft Schutzgebiete, also vorher auf Schilder achten.
Wer sammelt, schneidet nur die oberen Triebe und lässt die Wurzeln stehen. Thymianpolster wachsen langsam und brauchen Jahre, um sich zu erholen.
Häufige Fragen
Warum riecht wilder Thymian manchmal nach Oregano?
Weil der Anteil an Carvacrol hoch ist. Carvacrol ist der Hauptgeruchsstoff von Oregano und kommt auch in Thymian vor.
Riecht Thymian nach Regen schwächer?
Ja. Regen kühlt die Blätter und wäscht einen Teil des Öls von der Oberfläche. Nach zwei bis drei Sonnentagen ist der Duft wieder da.
Ist Quendel dasselbe wie Thymian?
Quendel ist ein alter Name für den Sand-Thymian (Thymus serpyllum), also für eine wilde Thymian-Art.
Kann ich wilden Thymian in der Küche verwenden?
Ja, er ist essbar. Er schmeckt meist milder als Küchenthymian, weil sein Ölgehalt geringer ist.
Wo wächst wilder Thymian in Deutschland?
Auf Sandheiden, Magerrasen, an sonnigen Böschungen und in Küstendünen. Er braucht viel Licht und mageren, trockenen Boden.
Warum sitzen so viele Insekten auf Thymian?
Thymian ist eine Bienenweide. Die kleinen Lippenblüten liefern Nektar für Wildbienen, Honigbienen und Schmetterlinge.
Quellen
Geschrieben von Lena, Redaktion aromohola.de — sie schreibt hier über Reisen, Düfte und Entspannung.







